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Interview mit dem Leiter des Regionalforstamtes Rhein-Sieg-Erft

Uwe Schölmerich (62) ist Leiter des Regionalforstamtes Rhein-Sieg-Erft im Landesbetrieb Wald und Holz NRW. Er studierte Forstwissenschaften an der Universität Freiburg im Breisgau und wurde nach dem forstlichen Referendariat für den höheren Forstdienst des Landes NRW übernommen. Dort wurde ihm zuerst die Leitung des Forstamtes Ville in Brühl 1987 übertragen und ab 2007 die Leitung des Regionalforstamtes Rhein-Sieg-Erft. Forstdirektor Schölmerich ist zudem Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft naturgemäße Waldwirtschaft – Landesgruppe NRW. Er lehrt seit 1994 über einen Lehrauftrag Waldbau und Forstwirtschaft an der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Bonn.

WILA Bonn: Über das von Ihnen geleitete Regionalforstamt bewirtschaften und betreuen Sie auch den Wald in und um Bonn. Ist der Klimawandel bereits in Ihrem Forstamt angekommen?

Ja, wir merken Veränderungen, die mit dem Klimawandel zusammenhängen können. Die Winter sind milder, aber feuchter, die Sturmereignisse und Gewitter nehmen zu und im Sommer sind Hitzeperioden mit bis zu 40 Grad Celsius festzustellen.

WILA Bonn: Können Sie uns erklären, woran der Laie die Veränderungen im Bonner Wald durch den Klimawandel erkennen kann?

Herr Schölmerich: Im Kottenforst häufen sich die kleineren und größeren Kahlflächen, obwohl wir kahlschlagsfrei wirtschaften. Vor allem die Fichtenreinbestände aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts werden durch die Stürme und Trockenperioden zerstört. Die Fichte wurzelt im Pseudogleyboden nur flach und ist daher für Windwurf und Trockenstress mit anschließendem Borkenkäferfraß sehr anfällig. Ich gehe davon aus, dass sie im Zuge der nächsten Jahrzehnte hier im Tiefland ganz verschwinden wird.
Zudem wird der aufmerksame Waldbesucher erkennen, dass Neuanpflanzungen mit anderen Baumarten wie der Stieleiche, Winterlinde, Hainbuche erfolgen. Außerhalb von Naturschutzgebieten werden auch die Douglasie und die Tanne künftig eine Rolle spielen, um den Verlust der Fichte auszugleichen.
Zudem wird generell auf Mischbestände gesetzt – also eine Abkehr von Wald aus nur einer Baumart.

WILA Bonn: Damit haben Sie meine nächste Frage schon teilweise vorweggenommen: Welche Maßnahmen verfolgen Sie, um den Wald gegen die anstehenden Wetterextreme resistenter zu machen?

Herr Schölmerich: Wir haben in den letzten Jahrzehnten die von uns betreuten Wälder vor allem durch waldbauliche Maßnahmen den neuen Anforderungen des Klimawandels angepasst – und werden dies in der Zukunft weiterhin und verstärkt tun müssen. Neben den oben angesprochenen Stürmen haben wir nämlich noch ein anderes Klimaphänomen, dem der heimische Wald zunehmend standhalten muss: Die zunehmenden Extreme bei der Temperatur und den Niederschlägen. Dies erkennen Sie gut an den Pegelständen des Rheins, der in den letzten Jahren vor allem im Sommer ungewöhnliche Tiefstände aufgewiesen hat. Dieser Zunahme an trockenen Perioden in unseren Breiten müssen wir mittel- und langfristig auch unsere Bäume anpassen.

Dies bedeutet, dass unsere Wälder zukünftig resistenter gegenüber Trockenheit und Stürmen sein müssen. Daher setzen wir auf die vermehrte Anpflanzung von Stieleiche, Buche, Douglasie, Tanne und anderen Baumarten, wenn die Naturverjüngung der vorhandenen Baumarten nicht ausreicht; vor allem bauen wir seit mittlerweile 20 Jahren Mischwälder auf, die weniger anfällig gegenüber Stürmen, Trockenheit oder Insektenkalamitäten sind. Ganz entscheidend ist dabei auch ein angepasster Wildbestand, der für die natürliche Verjüngung genügend Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Gesäte Bäume sind nämlich in Bezug auf die Wurzelentwicklung günstiger zu beurteilen als gepflanzte.
Außerdem sollen die Wälder ungleichaltrig und strukturiert sein – also junge, mittelalte und alte Bäume auf einer Fläche stehen. Wirft der große Sturm dann die hohen Bäume um, stehen im Unter- und Zwischenstand immer noch so viele, dass sich der Wald schneller wieder entwickelt.
Struktur erreicht man nur durch regelmäßige Durchforstung, indem man das Kronendach ungleichmäßig durchbricht und unterschiedliche Lichtverhältnisse schafft.
Der Waldbau kann auf solche Veränderungen immer nur mittel- oder längerfristig reagieren. Eine vorausschauende Planung, die möglichst viele künftige Entwicklungen berücksichtigt, ist daher das wichtigste Werkzeug der Forstverwaltung, um dem Klimawandel angemessen zu begegnen.

WILA Bonn: Wo besteht besonders großer Handlungsbedarf in den kommenden Jahren und gibt es dabei möglicherweise Zielkonflikte zwischen den Anforderungen zur Klimaanpassung und dem Naturschutz?

Herr Schölmerich: Die Klimaanpassung spielt dem Natur- und Artenschutz in hohem Maße in die Hände und dies aus mehreren Gründen:
- durch Mischung und ungleichaltrige Wälder entsteht mehr Struktur- und Lebensraumvielfalt
- die Erntetechniken sind selektiver und schonender geworden, d.h. große Kahlschläge wie früher gibt es hier nicht mehr

Ökonomie und Ökologie lassen sich im naturnah bewirtschafteten Wald gut vereinbaren. In den Naturschutzgebieten – immerhin rund ein Viertel der Waldfläche – wird Wert auf eine besondere Naturnähe und vor allem viele Biotopbäume gelegt, die Lebensraum für Insekten, Vögel, Fledermäuse und Pilze sind. Kleinere Wildnisgebiete und Naturwaldzellen sorgen für Kontinuität des Lebensraumes und sichern damit die Lebensgemeinschaft. Wir müssen aber auch darauf achten, dass produktiv gearbeitet wird und qualitativ gutes Holz nachwächst und genutzt werden kann. Fast alle Forstbetriebe sind inzwischen zertifiziert, der Staatswald sogar nach beiden Zertifikaten PEFC und FSC. Das zeigt, wie ernst wir die Umweltverträglichkeit der Waldwirtschaft nehmen. Damit tragen wir auch dazu bei, illegale Holznutzung andernorts zu verhindern.

Im Vergleich zum Wald in anderen Regionen sind die Bestände in meinem Forstamtsbereich recht gut aufgestellt was den Klimawandel angeht. Hier hat sich unser Engagement der letzten Jahrzehnte positiv ausgewirkt. Naturnaher Wald ist aus unserer Sicht ein Lösungsansatz um die Resistenz gegenüber dem Klimawandel zu erhöhen. Im Gegensatz dazu führt die maschinenoptimierte Plantagenwirtschaft mit nur einer Baumart tendenziell zu Monokulturen, die wesentlich anfälliger gegenüber den Wetterextremen sind und die Waldfunktionen nicht alle erfüllen. Für Endverbraucher bedeutet das, dass künftig auch mehr Laubholz geerntet wird. Holzarten wie Buche, Walnuss, Eiche liegen z.B. im Möbelbau wieder im Trend. Das nützt wiederum dem Waldumbau.

 

Herr Schölmerich, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Holger Wolpensinger am 05.02.2018 für den WILA Bonn e.V.

 

Webseite des Regionalforstamtes Rhein-Sieg-Erft:
www.wald-und-holz.nrw.de/ueber-uns/einrichtungen/regionalforstaemter/rhein-sieg-erft

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